14. Oktober 2015

Werbeblocker

Kurz zur Ausgangslage: News-Sites schalten Werbung, um damit Einnahmen zu generieren – im Gegenzug kann man gratis ihre Inhalte lesen. Werbung kann aber nerven, weshalb unterdessen 20-50% (je nach Site) der Besucher einen Werbe-Blocker installiert haben. Die Werbung wird bei ihnen nicht angezeigt und die News-Site verdient somit kein Geld.

Was Spamfilter für’s Mail sind, sind AdBlocker fürs Internet.

News-Sites schalten daraufhin mehr Werbung, um die Ausfälle wettzumachen oder fordern ihre Besucher auf, den AdBlocker auszustellen. Beides führt wohl dazu, dass noch mehr Leute einen AdBlocker einrichten.

Prominentestes Beispiel: Seit gestern, kann Bild.de nicht mehr mit AdBlocker gelesen werden:

bild_adblock

Nun schaltet sich Apple ein

Seit iOS9 gibt es nun Werbe-Blocker auch fürs iPhone. Einige werten dies als Frontalangriff von Apple auf Google, denn Google ist die mit Abstand grösste Werbefirma und verdient all sein Geld damit.

Die Prognose ist klar: Wenn immer mehr Menschen mit Werbe-Blockern im Netz unterwegs sind, wird es News- und anderen Sites nicht mehr möglich sein, ihre Inhalte gratis anzubieten, weil sie es nicht mehr mit Werbung gegenfinanzieren können.

Wir reden hier aber immer von Websites. Werbung innerhalb von Apps (z.B. Facebook) kann nicht geblockt werden.

Update: Während einiger Zeit gab es Apps wie Been Choice und AdBlock for iOS verfügbar. Sie taten genau das: Werbung auch aus Apps entfernen. Wenn man sich bei Been Choice entschied, die Werbung zuzulassen, erhielt man dafür Geld. Beide Apps sind aber erst in Amerika verfügbar, weshalb ich sie nicht testen konnte. Apple hat die Apps nun aus dem App Store entfernt. Grund: Sicherheitsbedenken, doch beide kündeten an, ihr App den Anforderungen von Apple anzupassen und bald wieder verfügbar zu sein.

Sind «Acceptable Ads» die Lösung?

Die beiden grossen Werbe-Blocker AdBlock und AdBlock Plus bieten jenen, die Werbung schalten möchten wiederum folgendes an: Wenn sie beweisen können, dass die Werbung «nicht aufdringlich» ist, wird die Werbung nicht blockiert. (Grosse Werbekunden müssen bezahlen, dass ihre Werbung als nicht aufdringlich eingestuft wird, weil das Handarbeit ist.)

Das Ganze nennt sich «Acceptable Ads Program». Akzeptable Werbung…

  1. …ist nicht aufdringlich.
  2. …stört nicht beim Lesen einer Seite.
  3. …ist klar als Werbeanzeige erkennbar.
  4. …wirkt, ohne uns dabei anzuschreien.
  5. …passt zu der Seite, auf der wir uns befinden.

Was das heisst, definieren sie in sehr detaillierten Kriterien. Übrigens: User können auch diese Werbung blockieren. Dies können sie in ihren Einstellungen festlegen. Der Standard ist aber, dass sie durchgelassen werden, was offenbar auch dem Wunsch der User entspricht. 75% geben in der Umfrage an, mit nicht aufdringlicher Werbung gut leben zu können.

User-Input von Timo Grossenbacher: Das Tool Ghostery gibt einem ebenfalls die Möglichkeit, Werbung und andere Skripts (Social Buttons etc.) zu überwachen und nach Belieben zu sperren. Acceptable Ads werden dann aber ebenfalls gesperrt.

Aber was ist mit diesen armen Medienhäusern, die immer noch aufdringliche Werbung schalten?

Nehmen wir an, ihr möchtet also, dass News-Portale weiterhin (auch aufdringliche) Werbung bei euch anzeigen dürfen. In diesem Fall könnt ihr euch eine sogenannte «Whitelist» (also das Gegenteil einer Blacklist) einrichten.

Wir haben extra für die Schweiz ein kleines Tool gebastelt, mit dem ihr Schweizer Medienportale definieren könnt, die Werbung bei euch schalten dürfen.

Gibt einem das ein besseres Gewissen? Weil die Verlage jetzt wieder an einem verdienen? Vielleicht.

Gleichzeitig finden unsere Hörer Dominik Galliker und Isabelle Schwab beide, die moralische Frage sei nicht entscheidend. AdBlocker seien eine Realität, denn Werbung nervt und die Verlage sollten sich besser heute als morgen überlegen, ob es nicht andere Finanzierungsmodelle gäbe.

Kann man das auch auf mobile?

Seit iOS 9 sind AdBlocker nun auch für’s iPhone verfügbar. Der bisher bekannteste AdBlocker Crystal hat sich bereiterklärt, mit dem nächsten Update «Acceptable Ads» ebenfalls wieder anzuzeigen – im Gegenzug erhält er Geld von Eyeo, der Firma hinter «AdBlock Plus».

Zwei andere Namen sind 1Blocker (gratis) und Purify . Unterdessen gibt es noch unzählige andere. Die meisten unterstützen keine Whitelists oder nur sehr umständlich. Bei Purify kann man Seiten einzeln zur Whitelist hinzufügen, 1Blocker hat dafür eine seltsame Web-App, die ich nicht verstehe.

Was nützen AdBlocker auf dem iPhone?

Wir haben versucht zu messen. Das ist nicht ganz einfach, denn News-Sites verändern sich schnell und so mussten wir mehrfach messen (iPhone an PC anschliessen und per Safari Developer Tools Datenmenge berechnen) um einigermassen repräsentative Messungen zu erhalten. So richtig wasserfest sind sie immer noch nicht, aber besser als nichts.

Doch wie sieht es bei Android aus? Andreas Burger lässt uns wissen: Im Firefox auf Android kann ebenfalls den AdBlock installieren. Simon Hutmacher hat uns wiederum per Sprachnachricht wissen lassen: Man müsse fast ein bisschen ein Crack sein, um sich ein AdBlocker einzurichten. Er selbst verzichte aber bewusst darauf, weil er findet, die Medien sollen ihm ruhig Werbung anzeigen und Geld damit verdienen.

Wie seht ihr das? Ist es unsere moralische Pflicht, auf AdBlocker zu verzichten? Oder sollen Medien aufhören, Werbung  zu verkaufen?

Update: MobileGeeks haben herausgefunden, dass der Geschäftsführer von Eyeo und damit von Adblock Plus und damit der Acceptable News Initiative seine eigenen 4 Millionen Werbe-Websiten als «acceptable» einstuft, obwohl darin Pornos und betrügerische Aktiväten beworben werden.
Update 2: Es geht noch weiter. Unterdessen verkauft Adblock Plus ganz unverblümt Werbeplätze. Die FAZ titelt treffend: «Die Hausbesetzer vermieten jetzt selbst».

Unsere Recherchelinks:

Im Sinne der offenen Recherche lege ich gerne offen, welche Artikel ich  zum Thema gefunden habe: