26. November 2014

Dreieinhalb Sachen, die man hätte besser machen können

Also eines Vorweg: Kompliment, an die NZZ, dass sie sich wagt, solche neuen multimedialen Formen auszuprobieren. Bei diesem Porträt hat man einiges richtig gemacht – sonst hätte es kaum so schöne Preise gegeben. Doch bei genauerer Betrachtung, erkennt man doch einige Schwächen.

Meine Kritik, hat folgenden Grundton:

Hier hat jemand einen guten Text geschrieben, den man dann noch so biz multimedial ergänzt hat.

Das hat man gut gemacht. Deshalb ist das Resultat durchaus ansehnlich. Doch die Herangehensweise erscheint mir falsch.

1. Schonmal was von Scannbarkeit gehört?

Spätestens seit Nielsen und seiner Studie «How users read on the web» wissen wir: «Besucher lesen nicht. Sie lesen sich nicht Wort für Wort durch eine Seite, sondern scannen (also überfliegen) sie und picken sich einzelne Wörter und Sätze heraus.

Aufgabe von uns Autoren ist es also, den Blick des Besuchers zu führen. Ihm möglichst schnell eine Übersicht zu verschaffen, was ihn auf der Seite erwartet. Der Blick wird klassischerweise geführt von:

  1. Bilder
  2. Überschriften
  3. Hervorhebungen im Text (bitte fett)
  4. Links

Wenn man sich nun einen Ausschnitt aus dem NZZ-Porträt ansieht, wird klar:

Bleiwüste

So nicht. Das ist Bleiwüste pur.

Das ist so ziemlich das Gegenteil von übersichtlich. So sollte man meiner Meinung nach mit Text und Typografie umgehen.

2. Make it Big

Das Internet unterscheidet sich vom Print darin, dass es unendlich Platz bietet. Gratis. Es gibt also keinen Grund, Dinge auf kleinem Platz zusammenzuwursteln.

Ausschnitt aus NZZ-Reportage

Zu kleines Video und zu kleine Spalten.

Wenn man also beispielsweise ein inhaltstragendes Video hat, so möchte man doch dieses nicht in Briefmarkengrösse betrachten. Man möchte auch keine Zeilen mit 30 Zeichen lesen.

Gleichzeitig sind die normalen Zeilen mit 80-90 Zeichen an der oberen Grenze der angenehmen Lesbarkeit. Man hätte durchaus die Schrift noch etwas grösser machen können. 16px für grosse Bildschirme ist da doch etwas knausrig. 20px oder grösser wären besser lesbar.

Wenn wir schon dran sind: Etwas mehr Zeilenabstand wär auch ok. Wir machen hier keine Zeitung. Aber dazu wie gesagt, mehr hier.

3. Das Internet ist linear und das ist gut so

Wir müssen uns verabschieden vom Gedanken, dass wir einen Besucher von A über  M nach Z durch unsere Seite oder Geschichte führen. Das Web ist von Grund auf so aufgebaut, dass man über Hyperlinks seine ganz eigene Reihenfolge durch den Inhalt findet (vielleicht kann man direkt von E nach G springen oder auch wieder zurück). Als Autoren sollten wir nicht versuchen, das zu verhindern, sondern es im Gegenteil zu ermöglichen.

Verschafft dem Besucher eine Übersicht über die ganze Geschichte. Jeder sich direkt das ansehen können, was ihn interessiert.

Ob es grundsätzlich sinnvoll ist, eine lange Geschichte auf mehrere Unterseiten aufzuteilen, kann man diskutieren – die NZZ hat aus dem Porträt 5 Kapitel plus 3 Seiten gemacht. Am Ende jedes Kapitels kann man ein Kapitel vor oder eins zurück (warum nur das?).

Oben links kann man direkt alle Kapitel ansteuern (immerhin). In diesem Fall ist es aber sicher wichtig, dass es diese Kapitelnavigation gibt. Sie ist die einzige Übersicht über das ganze Portrait.

3.5 Dieses E-Book ist dürftig

Longforms möchte man ja vielleicht mal im Zug ins Ausland oder so lesen – keine schlechte Idee also, dieses zum Download als E-Book zur Verfügung zu stellen.

E-Books können heute Multimedia. Bilder und Videos kann man also integrieren. Zugegeben – ich hab’s auch versucht und bin mangels Erfahrung und Zeit daran gescheitert. Aber einfach den Text rauszukopieren und für 2.95.- zu verkaufen ist in meinen Augen frech.*

* Edit: Auf multimediale Inhalte wurde verzichtet, da die meisten E-Reader diese nicht darstellen könnten, sondern nur Text und nur Schwarz / Weiss (siehe Kommentare). Der Verkäufer, netz & buch, bietet seinen Käufern ausserdem ein Widerrufsrecht, weshalb das Wort «frech» etwas hart ist.

Zum Schluss doch noch einige Punkte, die ich gut finde:

  • Man hat hier was Neues gewagt, danke!
  • Grosse Bilder vor jedem Kapitel
  • Schlichtes Design, gut lesbare Schrift
  • Interaktive Grafik zum Yolo-Flip

Wie findet und fandet ihr das Porträt auf den ersten und zweiten Blick? Teilt ihr meine Kritik? Habt ihr Ergänzungen? Andere Sichtweisen?